Die Legende des zerschossenen Weinkelchs
Aus dem Stralsunder Tageblatt Nr. 169 vom 23.07.1934
Wallenstein hatte während der Belagerung Stralsunds sein Lager im Hainholz aufgeschlagen. Um die Truppen zu verstärken führte ein Söldner einen alten Landknecht vor, dessen Kleider zerschlissen und fleckig waren. Schüchtern fragte er, ob er sich als Schütze im kaiserlichen Heer verdingen könnte. Wallenstein musterte den Landknecht verächtlich und schickte ihn weg. Er wusste nicht, dass er einen ganz besonderen Freischützen weggeschickt hatte. Dieser goss sich nämlich in stillen Mondnächten an geheimen Stellen im Wald Freikugeln mit schwarzer Magie aus vielen verschiedenen heidnischen Rezepten, die ihr Ziel nie verfehlten. Auf geheimen Wegen schlich sich der Freischütze nach Stralsund und bot sich den Stralsundern als Hilfe für die Verteidigung Wallensteins Truppen an. Die Bürger waren froh über jede Unterstützung und postierten ihn als Wache auf dem Wall.
Wallenstein setzte sich während der sommerlichen Belagerung unter eine Linde und hörte sich die Berichte seiner Generäle an. Er musste hören, dass seine Truppen wieder große Verluste bei Angriffen auf die Stadt erlitten hatten. Die kaiserlichen Truppen kämpften nur noch wenig begeistert und klagten, dass die Belagerung immer noch weitergeführt wird. Wallenstein wurde zornig, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: „Und wenn Stralsund mit Ketten an den Himmel gebunden ist, so soll es doch herunter.“ Er ergriff sein Weinglas, erhob es und sagte: „Glück auf, meine Herren, zu Sieg und Rache!“ In diesem Augenblick setzte der Landknecht auf dem Wall seine Flinte an und schoss seine nie verfehlende Kugel ab. Das Geschoss zerschellte das Weinglas in der Hand Wallensteins. Der Wein floss über den weißen Lederkragen des schutzlosen Heerführers. Bleich vor Schrecken ließ Wallenstein seine Hand sinken und erteilte den Befehl unverzüglich die Belagerung abzubrechen und die Truppen abziehen zu lassen.





